To God or not to God

Planet Eridu
Abend


Amelia hatte sich mit Theron, dem jungen Studenten, an diesem Abend in einem feinen eridanischen Restaurant verabredet. Nachdem sie den Hauptgang (synthetisches Fleisch mit einer raffinierten Sauce und gemischten Gemüse) und gewisse Floskeln wie „Ich finde du siehst heute besonders hübsch aus, Amelia“ „Ja von mir aus“ hinter sich gebracht hatten, konnte Amelia die Diskussion vor ein paar Tagen noch immer nicht vergessen.
„Du glaubst also an einen Gott“ sagte sie in vorwurfsvollen Ton zu Theron, der daraufhin einfach nur lächelnd nickte.
„Wir wissen nun soviel über dieses Universum, ja, sogar dass es noch mehrere gibt und diese von einem kleinen Balg kontrolliert werden. Wir wissen, dass Götter mehr oder minder nur eine Farce sind, wir haben so viele Gesetze der Natur gebogen und teilweise gebrochen und nach unserem Gutdünken neu geordnet und dennoch glaubst du an eine höhere Macht, einen Gott?!“ fragte sie entsetzt und ungläubig.
„Ja“ antwortete ihr Theron, „Ich weiß wir haben viel erreicht. Aber ich denke, wir haben das alles nur mit der Hilfe beziehungsweise Gnade von Gott erreichen können oder dürfen.“
„Oho, erreichen dürfen! Ich denke nicht, dass wir uns vor einer höheren Macht verantworten müssen für unseren Forschungs- und Wissensdrang. Vor uns selbst ja, aber nicht vor etwas Unsichtbarem wie einem wirklichen Gott“ sagte Amelia und nahm einen Schluck von ihrem Getränk.
„Vielleicht müssen wir das ja schon die ganze Zeit und merken es nur nicht“
Amelia stellte ihr Glas wieder auf den Tisch und fragte „Wie meinst du das denn jetzt?“
„Nun, jedes Mal wenn ich mir eine Injektion zur Lebensverlängerung gebe, frage ich mich, ob das nicht sozusagen gegen Gottes Wille ist. Immerhin hat er unsere Lebenszeit festgelegt und ich frage mich, ob ihm diese künstliche Verlängerung nicht zu wider ist und er eine Art Sicherung eingebaut hat in uns, damit wir dies nicht tun oder nicht so freudig, wie wir uns das vorstellen“ antwortete Theron und sah Amelia eindringlich an dabei.
„Was für eine Sicherung denn?!“ entfuhr es Amelia leicht wütend bereits.
„Ungefähr so wie: Die, die ewig leben, werden auch ewig leiden.“
„Also ich fühl mich nicht leidend!“ sagte Amelia zu Theron und wollte ihn damit vom Gegenteil überzeugen. Doch ein kleiner Teil ihres Unterbewusstseins wusste, dass sie mit dieser Aussage hoffte, sich selbst davon zu überzeugen sie sei wahr.
„Jetzt vielleicht noch nicht, aber stell dir vor: All diese kleinen Leiden im Leben und auch die größeren, diese ausgebreitet auf so eine lange Lebenszeit wie wir sie jetzt haben. Zwar gibt es auch positive Momente, um dem entgegenzuwirken, aber ich stell mir vor, dass sich dennoch irgendwo in uns etwas aufsummieren und immer mehr verstärken wird dadurch. Das unser Leid unbewusst immer weiter wachsen wird, dass wir es eventuell schon geistig verdrängen und dass es irgendwann Klick machen wird und wir aus dem Traum aufwachen. Das uns Gott zeigen wird, was wir angerichtet haben.“
„So ein Blödsinn“ sagte Amelia leicht eingeschnappt. Doch der Keim des Zweifels hatte sich nun durch Theron in ihr Unterbewusstsein eingepflanzt und würde nicht so rasch wieder von alleine abziehen.
„Ja, das ist halt deine Meinung. Ich denke mir nur, wir können und dürfen uns auch nicht alles erlauben beziehungsweise mit allem leichtfertig herumspielen.“
„Weißt du“ sagte Amelia etwas ernster nach einem weiteren Schluck aus ihrem Glas, „mein Vater ist viel auf Missionen unterwegs und er hat mir erzählt, dass er auf Sippar zum Beispiel wie eine Art ... Gott .. verehrt wurde. Jedenfalls kam es ihm so vor. Die unterentwickelten Wesen dort sahen all die Macht die er hatte und dachten zwangsläufig er sei eine Art gottgleiches Wesen oder Gott selbst und erhofften sich Antworten und Ratschläge von ihm, die Wahrheit über alles und so weiter. Doch natürlich konnte und wollte er es nicht geben, da er selbst nicht fehlerfrei ist und weit davon entfernt so etwas wie dein Gott zu sein. Und wenn solche Wesen sich bereits schon so leicht täuschen lassen, dann denke ich, dass dein hoher Gott vielleicht auch nur eine Täuschung unsererseits ist und man deshalb sehr vorsichtig an das Thema herangehen muss“.
„Da könntest du recht haben. Aber das Wichtige am Glauben ist ja, dass man es nicht wirklich weiß, sondern, dass man einfach nur blind glaubt.“
„Blindes Vertrauen kann aber zu viel Leid führen“ sagte Amelia.
„Ebenso der blinde Glaube an die eigene Obermacht über alles und jeden“ konterte Theron geschickt.
„Einigen wir uns darauf, dass wir es beide nicht so genau wissen und du die Rechnung zahlst“ entfuhr es Amelia, um rasch vom unangenehmen Thema abzulenken.
„Ähm, okay“ antwortete Theron kurz verwirrt, doch als Gentleman war das sowieso von vorhinein klar für ihn gewesen.
Theron rief den Kellner zu sich und gab ihm ein ordentliches Trinkgeld, um vor Amelia nicht wie ein knausriger Kerl zu wirken.
Beide gingen zum Ausgang und das Angebot von Theron, Amelia sicher nach Hause zu begleiten wurde abgelehnt. Sie rief sich ein Taxi und als dieses ankam, verabschiedete sich kurz, packte Theron jedoch dann unerwartet und drückte ihm einen Kuss auf.
„Wenn du jemandem davon erzählst, bring ich dich um“ drohte sie und fuhr davon, den glücklich strahlenden Theron zurücklassend.

Krake

Das Meeresfrüchtchen

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